Sozialhilfe
Das Wissen entscheidet darüber, ob die Hilfe auch wirklich ankommt
Interview mit KABBA-Präsident Thomas Näf

Wie informieren sich Hilfesuchende über ihre Rechte und Pflichten im Sozialhilfesystem? KABBA-Präsident Thomas Näf über bürokratische Hürden, drängende Fragen und ungenügende Informationsangebote.

Herr Näf, das KABBA fordert eine zentrale Dokumentationsstelle, bei der sich Armutsbetroffene über Dienstleistungen und Angebote informieren können. Heisst das, dass es für Menschen in Notsituationen schwierig ist, an die nötigen Informationen zu gelangen?

Es ist zumindest sehr anspruchsvoll. Das Angebot an Beschäftigungs- und Integrationsprogrammen ist selbst für Experten – etwa Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Sozialdiensten – schwer zu überblicken. Wie soll man da von Laien erwarten, dass sie sich in diesem Angebotsdschungel zurechtfinden können. Deshalb fordern wir eine zentrale Datenbank, die einen Überblick über alle Angebote an armutsbetroffene, hilfesuchende Menschen in einer Region bietet. Denn das beste Programm bringt nichts, wenn die Betroffenen nichts davon wissen.

Eine akute Notsituation wird doch am einfachsten mit finanzieller Hilfe gelindert. Was spielt etwas so Unkonkretes wie Information für eine Rolle bei der Armutsbekämpfung?

Information befähigt die Leute, sich an die richtigen Stellen zuwenden und die Hilfe einzuholen, die sie brauchen. Um da hin zukommen, braucht es zwei Dinge. Erstens muss die Infrastruktur vorhanden sein, um sich Informationen beschaffen zu können: Wenn jemand keinen Computer hat oder sich kein Internet leisten kann, wird er Mühe haben, sich das Wissen anzueignen, welches ihm hilft, sich aus der Notsituation zu befreien. Zweitens müssen Informationen auch abrufbar sein: Man muss erfahren können,welche Regeln im System Sozialhilfe oder der Arbeitslosenversicherung gelten. Denn das Wissen über die Prozesse in der Sozialhilfe entscheidet darüber, ob die Hilfe auch wirklich ankommt.

Die Homepage eines Dienstes sollte schon ein bisschen mehr offenlegen als bloss die Schalteröffnungszeiten

Der Umgang mit Behörden ist ja für niemanden ganz einfach. Glauben Sie denn, dass das Sozialhilfesystem höhere Anforderungen an seine Klienten stellt, als dies andere Lebensbereiche tun?

Das System der Sozialhilfe wird immer komplexer, immer bürokratischer.Und doch muss man es beherrschen. Denn anders als bei der AHV erhält man das Geld nicht einfach so – man muss sich aktiv darum kümmern: Es ist eine Holschuld. Um sein Recht geltend machen zu können, muss man aufgeklärt sein.

Gesetzt den Fall, der Bildschirm ist vorhanden und die Absicht des Hilfesuchenden, sich über seine Möglichkeiten zu informieren, auch. Wie gut schätzen Sie seine Chancen ein, auf die nötigen Informationen zu stossen, wenn er sich durch die verschiedenen Seiten von Sozialdiensten und Hilfsangeboten klickt?

Mir ist vor allem die Homepage des Sozialamtes Bern bekannt:Das Informationsangebot dort ist meiner Meinung nach gut. Es gibt eine Broschüre zum Herunterladen, in der die drängendsten Fragen beantwortet werden – gut verständlich und in verschiedenen Sprachen. Wer nach weiteren Informationen sucht, zum Beispiel die Richtlinien der SKOS, findet die Links auf einen Blick. Was allerdings schwieriger zu finden ist, ist die Antwort auf die Frage, wie viel Geld eine Person für welche Bereiche des Lebens beanspruchen kann. Ein Sozialhilferechner, wie sie ihn im Kanton Zürich online zur Verfügung stellen, finde ich hilfreich: Da lässt sich ausrechnen, ob ein bestimmtes Haushaltsbudget einen Anspruch auf Sozialhilfe legitimiert oder nicht.

Was für ein Informationsangebot zielt demgegenüber am Wissensbedarf der Betroffenen vorbei?

Die Homepage eines Dienstes sollte schon ein bisschen mehr offenlegen als bloss die Schalteröffnungszeiten. Die Leute müssen erfahren können, was auf sie zukommt, wenn sie einen Antrag auf Sozialhilfe stellen.

Das Gespräch führte
Hanna Jordi

KABBA

KABBA
KABBA «Komitee der Arbeitslosen und Armutsbetroffenen»

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