Eröffnung Internetcafé Power-Point
Mit Café und Internet auf den Punkt gebracht
Ansprache von Regierungspräsident Dr. Philippe Perrenoud Gesundheits- und Fürsorgedirektor

Thomas Näf und Philippe Perrenoud - Eröffnung Internetcafé Power-Point 2011
Thomas Näf und Philippe Perrenoud – Eröffnung Internetcafé Power-Point 2011

 

Sehr geehrter Herr Präsident des Komitees der Arbeitslosen und Armutsbetroffenen
Meine Damen und Herren

Es gilt das gesprochene Wort!

Ich bin heute tatsächlich sehr glücklich. Zum ersten Mal in meinem Präsidialjahr darf ich bei einer Einweihung das rote Band schneiden. Und für einmal kann ich als Regierungspräsident eine einschneidende Massnahme höchst persönlich umsetzen, die nicht weh tut. Super und besten Dank für diese fröhliche Gelegenheit!

Leider bin ich tatsächlich auch traurig. Heute tritt nämlich die 4. Revision des Arbeitslosenversicherungsgesetzes in Kraft. Für schätzungsweise 16‘000 Menschen in unserem Lande, ungefähr 1500 im Kanton Bern heisst es die Aussteuerung. Und für die Mehrheit dieser ausgesteuerten Erwerbslosen wird es nur einen Weg geben: Den Weg in die Sozialhilfe. Ich bedaure dies zutiefst.

Sie, sehr geehrter Herr Präsident, zusammen mit allen Mitgliedern des KABBA, setzen sich unermüdlich für die Arbeitslosen, für die Armutsbetroffenen, für die durch die Präkarität gefährdete Menschen und Familien ein. Diese aktive Solidarität, dieser demokratische Widerstand, diese Mobilisierung der Kräfte zugunsten einer echten sozialen Sicherheit für alle unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger ist heute notwendiger denn je. Für Ihren Einsatz möchte ich mich heute sehr herzlich bedanken, sowohl in meinem Namen als auch im Namen des Regierungsrates.

Meine Damen und Herren, ich bin kein Kind der so genannten „Internet-Generation“. Ich bin ein alter Überlebender der „Gutenberg-Ära“. Nach langen Studienjahren bin ich Doktor der Medizin geworden und Ihnen kann ich zusichern, dass meine These in keiner Art und Weise „vergoogelisiert“ wurde…

Die Welt von damals war nicht „vernetzt“, wie man es heute immer wieder betont. Wir waren aber doch sehr gut informiert und wir verfügten über sehr viele wertvolle Vernetzungen.

Erst lange nach meinem Studiumsabschluss habe ich mich Schritt für Schritt mit den Instrumenten der Informatik auseinandergesetzt. Mit mehr und auch weniger Erfolg…Und heute noch frage ich mich oft: Wozu dieses ganze Brimborium?

Ja, was bringen uns wirklich Internet rund um die Uhr, E-Mail-Verkehr via Smartphone,unzählige Facebook-Freunde, nicht bekannte Twitter-Followers, ehemaligeBerufskollegen auf LinkedIn, überraschende Youtube-Shortmovies und andere Blogs,Flickr und andere Slideshares?

Ich gehe davon aus, dass Sie sich mit dieser Frage auch auseinandergesetzt haben und hier überzeugende Antworten bringen können.

Etwas ist aber für uns alle klar: Durch die rasante Verbreitung des Internets sind neue Kommunikationsformen entstanden, die die Beteiligten relativ unkompliziert näherbringen, diejenigen die keinen Zugang zum Internet haben jedoch umso brutaler ausschliessen.

Immer mehr Informationen, Dienstleistungen und auch Jobangebote werden nur noch übers Internet verbreitet und angeboten. Statistische Studien belegen, dass der Zugang zum Internet klar eine Frage des Geldes ist: Bei den Personen mit einem monatlichen Einkommen unter 4000 Franken nutzen nur drei von zehn Personen das Internet,während es bei Personen mit einem monatlichen Einkommen über 10‘000 neun vonzehn sind.

Deshalb ist es für mich als Fürsorgedirektor eine Ehre, heute hier anwesend sein zu dürfen, um der Eröffnung des Internetcafés Power-Point ein Stück behördlichen Anerkennung zu widmen.

Power-Point gibt armutsbetroffenen und arbeitslosen Menschen die Gelegenheit, Grundkenntnisse im Umgang mit Computern zu lernen und bietet ihnen insbesondere durch den Zugang zum Internet eine wichtige Unterstützung für die soziale und berufliche Integration.

Erwerbsarbeit bleibt nämlich die wichtigste Quelle der Existenzsicherung. Aber nicht nur: In unserer Gesellschaft geht die Bedeutung der Erwerbsarbeit weit über die finanziellen Aspekte hinaus. Arbeitslose Personen sind weniger gut sozial integriert und leiden oft auch gesundheitlich unter ihrer Erwerbslosigkeit. Mit gravierenden Folgen:Arbeitslose haben ein dreimal höheres Risiko, frühzeitig zu sterben als Personen mit einer sicheren Arbeitsstelle.

Mit dem Gebot der Hilfe zur Selbsthilfe verfolgen Sie als Betreiber des Internet Cafés Prinzipien, die in zweierlei Hinsicht zentral sind, denn

  • erstens, sie entsprechen dem Grundsatz der präventiven Armutsbekämpfung, die alles dafür tut, damit die Menschen ihre Existenz aus eigener Kraft sichern können;
  • und, zweitens, Projekte, die nach diesem Gebot der Hilfe zur Selbsthilfe funktionieren, nehmen die betroffene Person als aktiven Teilnehmerin war und vertrauen in ihre Fähigkeiten. Ein Grundvertrauen das wir alle zur Entfaltung unserer Fähigkeiten brauchen.

Meine Damen und Herren, Armut verhindern und bekämpfen ist mir seit meinem Amtsantritt im Jahr 2006 ein grosses Anliegen.

Wie aktuell das Thema Armut ist, hat der 2. Berner Sozialbericht, den meine Direktion im vergangenen Dezember der Öffentlichkeit vorgestellt hat, leider erneut bestätigt: Im Kanton Bern leben 35‘000 Haushalte in Armut, weitere 22‘000 leben in einer prekären finanziellen Situation und sind armutsgefährdet. In diesen rund 57‘000 Haushalten leben 97‘000 Personen, darunter rund 24‘000 Kinder.

Wie aktuell das Thema Armut ist, hat der 2. Berner Sozialbericht, den meine Direktion im vergangenen Dezember der Öffentlichkeit vorgestellt hat, leider erneut bestätigt: Im Kanton Bern leben 35‘000 Haushalte in Armut, weitere 22‘000 leben in einer prekären finanziellen Situation und sind armutsgefährdet. In diesen rund 57‘000 Haushalten leben 97‘000 Personen, darunter rund 24‘000 Kinder.

Die Hilfe zur Selbsthilfe ist daher auch eines der Wirkungsziele unseresSozialhilfegesetzes. Ein Gesetz, das dank seiner inhaltlichen Breite eine gute Grundlage für eine umfassende Sozialpolitik ist. Ein Gesetz, das im interkantonalen Vergleich zeitgemäss und sachgerecht ist und um das mich viele meiner Amtskollegen auch ein wenig beneiden.

Rückblickend kann ich sagen, dass sich das Gesetz, das seit 2002 in Kraft ist,verschiedentlich bewährt hat. Mit einer Teilrevision wurden nun aber Feinkorrekturen vorgenommen, um Fehlanreize zu beseitigen, die Qualität des Systems noch zu verbessern und das Vertrauen in die Sozialhilfe als bedeutsame kantonale Sozialleistung zu stärken. In der Vernehmlassung und im Grossen Rat fand die Teilrevision breite Zustimmung: Die Vorlage wurde in der zweiten Lesung mit 137 zu 4 Stimmen angenommen.

Bei Vorlagen dieser politischen Brisanz und inhaltlicher Komplexität ist eine breite Zustimmung nur zu gewinnen, wenn die Vorlage ein ausbalanciertes Gesamtpaket ist,das durch politisches Aushandeln und gegenseitiger Gesprächsbereitschaft zustande gekommen ist. Dies fordert von allen Seiten Kompromissbereitschaft, die Bereitschaft also, dass die definitive Vorlage nicht in allen Einzelpunkten den eigenen Wertvorstellungen und politischen Zielsetzungen entspricht. Was am Ende zählt, sind die erzielten Verbesserungen des gesamten Paketes. Und ich bleibe dabei: Das erzielte Gesamtergebnis lässt sich sehen.

Mir ist es bewusst, dass Sie, sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte KABBA Mitglieder,meinen Standpunkt nicht ganz teilen können und gewisse Aspekte des revidierten Gesetzes in Frage stellen. Ich respektiere voll und ganz Ihre Haltung. Ich fürchte auch nicht die demokratische Auseinandersetzung zu gewissen brisanten Bestimmungen unserer Gesetzgebung. Und ich weiss, dass wir uns auch zukünftig für die Anliegen der Sozialbenachteiligten gemeinsam engagieren werden. In diesem Sinne gratuliere ich Ihnen für die Initiative, das Internetcafé Power-Point geschaffen zu haben und wünsche dieser Einrichtung der echt erlebten Solidarität viel Erfolg.

Ansprache von Regierungspräsident Dr. Philippe Perrenoud Gesundheits- und Fürsorgedirektor anlässlich der Eröffnung des Internetcafé Power-Point am 1. April 2011.

KABBA

KABBA
KABBA «Komitee der Arbeitslosen und Armutsbetroffenen»