Sozialhilfegesetz
Leben mit Sozialhilfe im Kanton Bern
Ein Selbstversuch

Seit dem 3. Januar 2018 versuche ich mit dem Sozialhilfebudget zu leben, dass im Kanton Bern eingeführt werden soll. Wenn ich vom Grundbedarf von Fr. 907.00 im Monat meine Fixkosten (Mitgliederbeiträge, Strom, Libero-Abo, Billag-Gebühren etc.) abziehe, verbleiben mir Fr. 21.20 pro Tag.

Ich gebs zu, ich wollte bereit Mitte Dezember 2017 mit dem Selbstversuch anfangen, musste das Vorhaben aber wieder abbrechen, weil ich bereits nach drei Tagen das Budget um über Fr. 50.00 überschritten hatte.

Nun gut, Neustart, dass können Sozialhilfebezügerinnen und Bezüger zwar nicht wählen. Ich habe monatlich Fr. 907.00 zur Verfügung, das sind 8% weniger als die SKOS-Richtlinien für den Grundbedarf vorsehen. Die SKOS-Richtlinien sehen Fr. 986.00 für einen Einzelpersonen-Haushalt vor, wobei das Bundesamt für Statistik sagt, es würden rund Fr. 90.00 fehlen, um den Bedarf an den lebensnotwendigesten Gütern zu sichern.

Meine Fixkosten im Monat, die ich aus dem Grundbedarf bezahlen muss, sind:
Fr. 10.00 für die Rechtsschutzversicherung
Fr. 32.50 für Strom
Fr. 34.00 für Mitgliederbeiträge (ich habe die Verbände angerufen und gefragt, auf welche Beträge sie senken könnten)
Fr. 54.00 Telefonabos und Internet
Fr. 79.00 Libero-Abo
Fr. 38.50 Billag (die Gebühren werden bei Sozialhilfebeziehenden nicht erlassen, nur bei EL-BezügerInnen)

ausmachend Fr. 248.00, so bleiben mir also noch Fr. 658.00 im Monat, was Fr. 21.20 pro Tag ausmacht.

3. Januar 2018 – Tag 1
Heute habe ich rund Fr. 8.00 für Essen ausgegeben, Spaghetti mit Büchsentomaten- und Thonsauce mit Greyerzerkäse, dann noch eine Milch angefangen. Ich habe aber zu Hause an einer Arbeit geschrieben, so konnte ich es vermeiden, mehr Geld auszugeben.

4. Januar 2018 – Tag 2
Es ist gar nicht gut gelaufen, ich hatte mit einem Gutschein für Fr. 50.00 eingekauft für Fr. 52.00. Als ich an der Kasse stand, stellte sich heraus, dass der Gutschein erst ab einem Inkauf von Fr. 500.00 gültig ist. Ich konnte aber irgendwie nicht mehr zurück und bezahlte die Ware. Nun muss ich 6.5 Tage darben um das wieder aufzuholen.

Nun fürs Essen habe ich Fr. 8.65 ausgegeben, Spaghetti mit Thontomatensauce und Maiskörner, diesmal mit Salat. Am morgen Brot und über den Tag Studentenfutter. Dann einen Brief für einen Franken abgeschickt. Dann noch der „Ghüder 35“ lt für 2.35. Am Abend kam noch Besuch, ich habe zum Kaffee Studentenfutter aufgestellt. Ich habe einfach gesagt, Nüsse seien gesund. So habe ich also Fr. 13.80 ausgegeben.

5. Januar 2018 – Tag 3
Heute habe ich Fr. 2.55 ausgegeben für Salat, dann zwei Mal Fr. 1.20 für Kaffee vom Automaten in der Bibliothek. Einem älteren Herrn, der von einem Wutbürger aufs Übelste rassisitisch beschimpft wurde, habe ich einen Kaffee bezahlt für Fr. 1.60. Dann noch ins Ausland telefoniert für Fr. 8.00. Und der Adapter für das neue Telefonsystem für Fr. 22.95. Ausmachend total Fr. 37.50. Limite überschritten….

6. Januar 2018 – Tag 4
Milch ist das Einzige, was ich gekauft habe, aber ich habe Lotto gespielt für Fr. 7.00. Macht Fr. 8.75, zum Abendessen war ich eingeladen. Tagesbudget von Fr. 21.20 eingehalten, sogar etwas von den Budgetüberschreitung der letzten Tage abgetragen, es fehlen aber noch rund 60.00.

7.Januar 2018 – Tag 5
Heute habe ich die Bekannten ohne mich ins Solbad ziehen lassen, der Eintritt kostet Fr. 30.00 und ich habe ja das Budget schon überschritten. Ich habe gesagt, ich sei ein Bisschen erkältet. So bin ich zu Hause hocken geblieben und habe Saxofon gespielt, zum Glück sind meine Nachbarn tolerant. Gegessen habe ich am Morgen Haferflocken, das füllt den Magen und am Abend Resten, plus eine Dose Pelati für Fr. 1.30 und habe ins Ausland telefoniert für Fr. 6.00 in der Telefonkabine, damit ich nicht am Ende des Monats eine grosse Rechnung kriege. Ich bin also auf Aufholkurs, noch 5 Tage darben wegen der Budgetüberschreitung.
Im Lotto hatte ich nichts gewonnen, kann jedoch mit dem Schein noch einmal spielen. Lotto-Spielen ist ein Novum in meinem Leben, anscheinend suche ich bereits nach einem Ausweg, – mag er noch so unrealistisch sein.

8. Januar 2018 – Tag 6
Mein Budget von Fr. 21.20 pro habe ich an diesem Tag wieder überschritten: Mit einem Freund einen Kaffee getrunken, zwei Kaffee aus dem Automaten gelassen und jemanden zum Znacht eingeladen. Dazu habe ich ein Bisschen Käse gekauft. Gibt Fr. 24.75. Mist.

9. Januar 2018 – Tag 7
Die Aufholung der Budgetüberschreitung ist heute weiter gekommen, aber es zieht sich in die Länge. Ich habe Fr. 12.00 für vier Bier ausgegeben, mit dem Besuch Resten gegessen, der die Kartoffeln gebracht hat.

10. Januar 2018 – Tag 8
Neeein! Jetzt ist heute die Mitgliederrechnung von Exit gekommen, die hatte ich nicht eingerechnet. Fr. 45.00. Das verschlimmert meine Lage, ich habe ja sowieso schon das Budget überzogen. Was soll ich machen? Anrufen und fragen, ob ich aus dem Verein austreten kann? Und wenn ich unheilbar krank werde? Muss ich dann bis zum bitteren Ende leiden, weil ich vorher von Armut betroffen war? Aus dem Verein austreten geht also nicht. Also bezahlen. Aber wie???

Ansonsten habe ich heute Kaffee gekauft, ach, den teuren, der verspricht aus fairem Handel zu sein. Und Magnesium, das ist gut für die Nerven. Und 5 kg Reis für Fr. 4.65, das Reis ist gar nicht so schlecht, mit dem Studentenfutter und Salat am Mittag, alles in allem habe ich es heute mit der Tagespauschale von Fr. 21.20 haargenau geschafft. Zum Znacht war ich bei einer Versammlung. Da bringen meistens alle etwas zum Trinken und zum Essen mit, ich habe halt nichts gebracht und ein Bisschen gehetzt getan, als sei ich nicht dazu gekommen, noch etwas zu besorgen und gleichzeitig rechtzeitig dort zu sein.

Den Lotto-Schein habe ich nochmals gespielt und nichts gewonnen. Wobei ich ernsthaft enttäuscht war. Was ist schon wieder die Chance zu gewinnen? Es lässt sich mit Wahrscheinlichkeitsrechnung ausrechnen: 0,0000064 % Chance, 6 aus 42 und 1 aus 6 richtig zu tippen.

Neeein! Jetzt ist heute die Mitgliederrechnung von Exit gekommen, die hatte ich nicht eingerechnet. Fr. 45.00. Das verschlimmert meine Lage, ich habe ja sowieso schon das Budget überzogen. Was soll ich machen? Anrufen und fragen, ob ich aus dem Verein austreten kann? Und wenn ich unheilbar krank werde? Muss ich dann bis zum bitteren Ende leiden, weil ich vorher von Armut betroffen war?

Aus dem Verein austreten geht nicht. Also bezahlen. Aber wie???

Ansonsten habe ich heute Kaffee gekauft, ach, den teuren, der verspricht aus fairem Handel zu sein. Und Magnesium, das ist gut für die Nerven. Und 5 kg Reis für Fr. 4.65, das Reis ist gar nicht so schlecht, mit dem Studentenfutter und Salat am Mittag, alles in allem habe ich es heute mit der Tagespauschale von Fr. 21.20 haargenau geschafft. Zum Znacht war ich bei einer Versammlung. Da bringen meistens alle etwas zum Trinken und zum Essen mit, ich habe halt nichts gebracht und ein Bisschen gehetzt getan, als sei ich nicht dazu gekommen noch etwas zu besorgen und gleichzeitig rechtzeitig dort zu sein.

Den Lotto-Schein habe ich nochmals gespielt und nichts gewonnen. Wobei ich ernsthaft enttäuscht war. Was ist schon wieder die Chance zu gewinnen? Es lässt sich mit Wahrscheinlichkeitsrechnung ausrechnen: 0,0000064 % Chance, 6 aus 42 und 1 aus 6 richtig zu tippen.

11. Januar 2018 – Tag 9
Den Tag habe ich heute eingermassen sparsam überstanden (am Mittag Resten mitgenommen und am Abend eingeladen): Fr. 4.00 für einen Kaffee, Fr. 4.80 für Kopien in der Bibliothek und Fr. 6.00 für ein Telefonat ins Ausland mit meinem Ehemann. Macht Fr. 14.80.

Ich denke nun an diejenigen Menschen mit Migrationsgeschichte, die hier für wenig Geld arbeiten, zum Beispiel in der Reinigung oder Gastronomie und nicht das Geld haben, um ihre Liebsten anzurufen. Einigen von ihnen hat das Internet, mit seinen Möglichkeiten über Skype und Whatsapp anzurufen, wirklich geholfen. Aber es sind nicht alle Länder und auch nicht alle Menschen angeschlossen. Hinzu kommt die Zeitverschiebung, man kann die Menschen nicht zu jeder Zeit anrufen.

12. Januar 2018 – Tag 10
Leben mit Sozialhilfe im Kanton Bern ist eine Katastrophe. Ich verbringe den ganzen Tag damit, zu überlegen, wie ich es schaffe, kein Geld auszugeben. Alles dreht sich nur noch darum. Trotzdem schaffe ich es nicht. Also gut, ich habe Fr. 5.50 am Mittag für Marroni ausgegeben. Gesund, aber eigentlich für mich zu teuer. Dann habe ich zwei Kaffee aus dem Automaten gelassen, Fr. 3.20 und ein Darvida genascht, als ich gegen Abend einen Hungerast hatte, Fr. 1.80. Zum Znacht eine Dose Linsen für Fr. 1.60 und eine Dose Pelati für Rp. 90 (beides Aktion). Gibt also schon mal Fr. 13.00 für Essen.

Und jetzt kommt das Elend: Ich war im Ausgang! Und habe Fr. 20.00 dafür ausgegeben, es war eine tolle Party, ich habe viele Bekannte getroffen und man kann einfach nicht den ganzen Abend am selben Glas nippen.

Noch elender ist, dass mich eine Bekannte aus Honduras angerufen hat. Eine tapfere Frau, die versucht mit ihren Kindern in der zweitkriminellsten Stadt der Welt zu überleben, San Pedro Sula. Normalerweise kommunizieren wir gratis mit Whatsapp. Nun war sie aber überfallen und ausgeraubt worden, nun ist das Handy weg. Ich musste einfach zurück rufen! So waren dann wieder Fr. 8.00 weg, für acht Minuten telefonieren. Acht Minuten vergehen schnell, vor allem wenn man jemanden Trost spenden und ermuntern will, weiter zu machen.

So ist der Tag mit Ausgaben von Fr. 58.00 vorüber. Was kann ich bloss tun?

Zwischenbilanz ist: Ich habe in 10 Tagen Fr. 258.10 ausgegeben, damit das Budget um Fr. 46.10 überschritten. Trotz der Tatsache, dass sich mein Leben nur noch um die Frage dreht, wie ich es vermeiden kann, Geld auszugeben.

13. Januar 2013 – Tag 11
Dieser Druck, keinen Fehltritt zu machen setzt mir zu, zu versuchen, dass ja nichts passiert, das mich aus der minutiösen Kontrolle der finanziellen Situation wirft, – oder jedenfalls dem Versuch, die Situation zu kontrollieren. Ich bin unsicher, habe ständig Angst, dass etwas passiert und ich die Kontrolle verliere. Ich schaue jetzt zum Beispiel zwei Mal in der Woche, ob ich ja nicht den Rückgabetermin für die ausgeliehenen Bücher verpasst habe, es gibt schliesslich eine Mahngebühr von Fr. 10.00. Diese Woche hat mich die Bibliothek gemahnt, obwohl ich das Buch bereits zurück gebracht hatte. Ich bin sofort in die Bibliothek gerast und habe es zum Glück klären können. Uff. Zehn Franken können einem zusetzten!

Heute ist die Glühbirne im Badezimmer kaputt gegangen. Ich habe ziemlich die Nerven verloren, diese Glühbirne kostet Fr. 3.00!

Ich habe für 20.20 Essen eingekauft, darunter Zopf und Butter. Ich habe nicht mehr schön aussehendes oder auch angefaultes Gemüse mit an die Kasse genommen und gefragt, ob sie es mir zum halben Preis geben oder schenken, was geklappt hat.

Neuerdings neige ich zu Hamsterkäufen. Nun habe ich rund 20 Dosen Pelati im Haus, nur weil sie gerade nur Rp. 50 je Stück kosten. Vor der Zeit mit Sozialhilfe habe ich fast nie Pelati aus der Dose gegessen.

Heute wollte ich nicht in die Bibliothek gehen, um die Zeitung zu lesen. Online könnte man die Medien auch konsultieren, aber das kostet Fr. 2.00. So legte ich Fr. 4.50 für einen Cappucino in der Quartierbeiz aus.

Ach, und ich habe wieder Lotto gespielt….Fr. 7.00. So habe ich heute insgesamt Fr. 34.70 ausgegeben. Budget überschritten…

14. Januar 2018 – Tag 12
Mein Zuhause ist zum Schutzbunker geworden. Es ist der einzige Ort, an dem ich vor Konsum geschützt bin, deshalb muss ich mich hierher zurückziehen, damit ich kein oder möglichst wenig Geld ausgebe. Klar, ich kann raus. In die Bibliothek oder in den Wald. Der Wald schützt mich auch, ebenso eingermassen die Aare. Hier wird es aber schon heikel, am Aarespazierweg lauern nähmlich Gefahren: Es gibt Bekannte, denen ich begegnen könnte und die mich dann fragen, ob wir einen Kaffee trinken gehen.

An diesem Tag habe ich Fr. 10.35 für Genussmittel ausgegeben, ayayay! Und für Fr. 10.00 ins Ausland telefoniert. Ach, diese Familie im Ausland…. Ergibt Fr. 20.35, Budget eingehalten. Auch Dank den Resten im Kühlschrank.

15. Januar 2018 – Tag 13
Am Mittag hatte ich einen Buisnesslunch in einem Restaurant. Für mich war es ein Expressolunch mit einem Glas Wasser, ich kriegte oben am Tisch einen Platz zugewiesen, am Ende der Runde. Ich habe gesagt, dass ich versuche, mit dem Sozialhilfebudget klarzukommen. Da ist dann niemand darauf eingegangen, aber wir hatten auch viel zu besprechen. Am Abend Besuch, für 24.55 Essen eingekauft, Gschwellti, Käse und Salat. Budget überschritten.

16. Januar 2018 – Tag 14
Am Morgen kam der Elektriker und hat mein Telefon repariert. Seit Ende Jahr ist die Leitung tot, auf einmal war es still. Swisscom hat mir dann ein Kästli für die neue Telefonie geschickt, es ging aber immer noch nichts. Der Elektriker sagte, er habe ein Signal im Kasten vor der Wohnung. Müsse er die Wohnung betreten, dann koste es. Ich wurde beinahe ungehalten, konnte jedoch im letzten Moment bremsen. Ich wollte das Kästli zurückgeben und von Vertrag zurücktreten. Er brachte die Sache jedoch zum Laufen und verrechnete schlussendlich keine Kosten, ich war dankbar. Fast hätte ich ihn umarmt.

Coiffeur war heute angesagt. Man soll und will ja integriert bleiben, Haare schneiden gehört dazu. Ich bin zu einem Iraner, der seine Coiffeurdienste für Fr. 17.00 anpreist. Ein interessanter Mann, er hat mir ein Bisschen von seinem Herkunftsland erzählt. Ich habe ihn nach der Miete gefragt, die er für den Laden zahlen muss. Wie das zu schaffen ist, kann ich mir nicht vorstellen. Nun gut, ich habe ihm Fr. 40.00 bezahlt, er hat fast eine Stunde an meinen Haaren rumgeschnippelt. Wenn man kein Geld hat, ist man dann gezwungen, andere auszubeuten? Ich hätte mich geschämt, ihm nur Fr. 17.00 zu geben, das schaffe ich nicht.

Ansonsten habe ich heute Fr. 5.60 für Essen ausgegeben, Dank Resten, dann Fr. 1.50 für Kopien und Fr. 4.80 für ein Telefonat ins Ausland. Ein Verwandter ist im Ausland und dort erkrankt, ich habe nachgefragten wollen, wie es ihm geht.

So habe ich heute Fr. 51.90 ausgegeben, das Budget massiv überschritten. Nun muss ich mir etwas überlegen für die zweite Hälfte des Monats. Ich habe nun das Budget um Fr. 95.80 überschritten. Das Tagesbudget ist also nun Fr. 14.80 für den Rest des Monats. Das muss ich einhalten, sonst kommen grössere Probleme. Die Mitgliederrechnung vom Verband zahle ich dann nächsten Monat. Ich lebe nun also schon auf Kredit des nächsten Monats.

17. Januar 2018 – Tag 1
Heute ein Getränk an einem Politanlass und Essen. Fr. 7.90. Budget eingehalten, Dank Resten.

18. Januar 2018 – Tag 16
Kaffee, Gipfeli, nochmal Kaffee und ein Getränke, ach das Sozialleben, mit Ausgaben von Fr. 15.80 konnte ich immerhin das Tagesbudget von Fr. 21.20 einhalten. Auch dank der Einladung am Abend zum Jahresessen eines Vereins, in dem ich aktiv bin.

19. Januar 2018 – Tag 17
Den heutigen Tag verbrachte ich zu Hause, ich konnte zu Hause arbeiten. Kosten für Essen sind Fr. 1.30, eine Dose Pelati. Ansonsten für Fr. 13.00 ins Ausland telefoniert, macht Fr. 14.30.

Auf der Suche nach Aktivitäten, die nichts kosten, komme ich auf Musik. Musik machen kostet nichts. Könnte man meinen. So brauche ich fürs Saxofon zum Beispiel Rohrblätter aus Holz, da kostet eines Fr. 5.00, sie halten zwischen einer Woche und drei Wochen, je nachdem wie viel ich spiele. Heute musste ich ein neues Blatt nehmen. Wenn das Blatt nur einen kleinen Riss hat, kann man nicht mehr spielen, es „schärbelet“.

So habe ich Fr. 19.30 ausgegeben, Budget von Fr. 21.20 eingehalten.

20. Januar 2018 – Tag 18
Ein Politfestival mit Workshops, den ganzen Tag dauernd, drei Mal Kaffee zum Wachbleiben, einmal noch jemanden eingeladen, macht Fr. 18.00. Am Abend hat mich eine Frau zum Bier eingeladen, mit der ich mich unterhielt und der ich von meinem Selbstversuch, mit dem Sozialhilfebudget zu leben, erzählt hatte.

21. Januar 2018 – Tag 19
Arbeiten zu Hause, das spart Kosten… Resten und Pelati für Fr. 1.30 fürs Essen. Telefonat mit der Familie im Ausland, Fr. 12.00. Macht Fr. 13.80. Ja, diese Telefonate ins Ausland sind teuer. Fr. 1.00 pro Minute, was tun? Internetanschluss besteht nicht. Den Kontakt, die Beziehung aufgeben? Hartes Brot.

22. Januar 2018 – Tag 20
Heute hat die Session im Grossen Rat begonnen. Das ist teuer, Fr. 16.80 für Kafi, Gipfeli und Sandwich. Am Abend gab es dank Abendsession eine feine Mahlzeit Dank Abendsitzung.

23. Januar 2018 – Tag 21
Mittagessen im Rathaus mit Kaffee und Schoggistängeli: Fr. 22.50

24. Januar 2018 – Tag 22
Sessionsende. Mittagessen und einen Grossratskollegen zum Feierabendbier eingeladen, Fr. 27.50.

25. Januar 2018 – Tag 23
Mist, jetzt ist doch noch eine Mahnung gekommen mit einer Gebühr von Fr. 10.00. Ich hatte es verpasst, die Miete des kleinen Schranks in der Münstergasse zu verlängern. Ich habe das heuteund auch zwei Monate verlängert. Macht insgesamt Fr. 24.00. Dann noch Kaffee im Laden gekauft für Fr. 8.30, wieder den aus fairem Handel. Unterwegs habe ich auch noch zwei Kaffee getrunken für Fr. 5.90. So habe ich insgesamt Fr. 38.20 ausgegeben.

26. Januar 2018 – Tag 24
27 Kisten habe ich bei einem Bekannten abgeholt, um sie nach Kuba zu verschiffen. Sie beinhalten Kleider, Haushaltsartikel und Hygieneartikel, alles von verschiedenen Personen, die ihren Freunden und Bekannten in Kuba diese Waren zukommen lassen wollen.

Ich habe mein Tenorsaxophon mitgegeben, das ich vor einiger Zeit im Internet gesteigert hatte. Es ist ein schönes Instrument aus den 30-Jahren, jedoch revisionsbedürftig und das ist hier sehr teuer. In Kuba hat es die Spezialisten, die es revidieren können und es gibt viele talentierte Musikstudentinnen und Musikstudenten, die kein eigenes Instrument haben. So habe ich mich entschieden, das Sax mitzugeben, ein Bekannter hat mir das Verschiffen bezahlt (Fr. 60.00), als Dank, dass ich den Bus gefahren bin und die Kisten geschleppt habe. Nun fehlte noch das Material für die Revision. Ich habe vom im Musikhaus am Loryplatz einen ganzen Satz von Klappenpolstern, ein Plasikrohrblatt und Heissleim für Fr. 50.00 erhalten. Die lieben Leute im Musikhaus haben mitgeholfen, die Idee zu realisieren, das Instrument in Kuba revidieren und einer talentierten Studentin zukommen zu lassen. Tja, dann fehlte aber noch das Mundstück. Ein Bekannter verkaufte mir ein neues Mundstück von Selmer, das es nicht brauchte für Fr. 80. Neu kostet es rund Fr. 200.00. Macht Ausgaben von Fr. 130.00. Wer Teil der Vierten Welt* ist, kann eigentlich nicht der Dritten Welt helfen. Das ist eine traurige Sache, die mich trifft, habe ich doch Familie und Freunde in Kuba und Honduras.

*Die Welt ist eingeteilt in die sogenannte Erste, Zweite und Dritte Welt. Diese Einteilung, die in der Zeit des Kalten Krieges entstand wird zwar zunehmend aufgegeben, man spricht jetzt von Schwellenländern und von den Ländern des Südens. Es gibt jedoch den Begriff der Vierten Welt. Das sind die Armutsbetroffenen in der ersten Welt. Sie sind anders arm als die Armen in den Ländern des Südens. Meist reicht es fürs Essen, jedoch ist die Teilhabe an der Gesellschaft beschränkt oder unmöglich. Arm sein in der ersten Welt heisst Ausgrenzung, Isolation und, oftmals als Folge, Krankheit.

27. Januar 2018 – Tag 25
In der Landi war Outlet, ich habe fünf LED-Sparlampen, die nur 3 Watt verbrauchen, gekauft. Die Sparlampen waren von Fr. 14.50 auf Fr. 5.00 heruntergeschrieben, so wollte ich profitieren und habe fünf Lampen für Fr. 25.00 gekauft. Bald wird sich der reduzierte Stromverbrauch in der Stromabrechnung niederschlagen, so ist jedenfalls die Hoffnung. Weiter habe ich Züpfe für Fr. 5.50 und Wurst für Fr. 6.80 gekauft. Alles insgesamt Fr. 37.30.

28. Januar 2018 – Tag 26
Am heutigen Tag habe ich Fr. 10.40 für Genussmittel ausgegeben.

29. Januar 2018 – Tag 27
Heute habe ich Hygienemittel für Fr. 12.55 gekauft, Zahnpaste und Zahnbürsten, es gab 33% Rabatt. Als ich nach Hause kam, habe ich gesehen, dass ich noch drei Tuben Zahnpasta habe. Das sind eben diese Hamsterkäufe. Wenn ich im Laden bin, denke ich, dass ich doch jetzt profitieren muss, wenn es schon so günstig ist. Vor dem Selbstversuch habe bloss Zahnpasta gekauft, wenn ich welche brauchte.

Weiter habe ich Briefmarken für Fr. 10.00 gekauft. Sodann war ich mit einem Mobility-Auto im Entsorgungshof, der Abfall hat Fr. 3.75 gekostet, das Auto weiss ich noch nicht. Was macht man da, wenn man Sozialhilfe bezieht? Geht man mit dem Leiterwägeli zum Entsorgungshof? Läuft hin und her, schliesslich hat man ja Zeit? Zusammengerechnet habe ich heute Fr. 26.30 ausgegeben.

30. Januar 2018 – Tag 28
Nach der Medienkonferenz von heute Vormittag Mittagessen mit einem Freund, ich habe die Getränke übernommen, Fr. 9.50. Am Nachmittag war ich in Biel zum Saxofonspielen mit einer Kollegin, die Akkordeon spielt, die Fahrt kostete Fr. 11.60. Ich habe sie am Abend noch auf zwei Bier eingeladen, Fr. 16.00. Macht Fr. 37.10.

31. Januar 2018 – Tag 29
Ich war zu Besuch bei einer Familie auf dem Land, Reisekosten 5.60. Ich habe Sonnenblumenöl und einen „Spinner“ (Spielzeug für das Kind) mitgebracht, Fr. 3.60. Macht insgesamt Fr. 9.20, gegessen habe ich bei den der Familie. Am Abend noch für Fr. 4.00 mit meiner Familie im Ausland telefoniert, also 13.20.

1. Februar 2018 – Tag 30
Für Kopien habe ich heute Fr. 4.80 ausgegeben, das ist alles.

2. Februar 2018 – Tag 31
Ich hatte heute was zu feiern und habe zwei Freunde eingeladen, Fr. 23.00. Weiter habe ich Lebensmittel für Fr. 3.55 gekauft.

3. Februar 2018 -Tag 32
Einkauf von Lebensmitteln für Fr. 17.40 und Lottospiel für Fr. 7.00. Den Ziegen von Freunden habe ich die Klauen geschnitten, als Dank wurde ich bekocht. Am Abend wurde ich ins Kino eingeladen, hab mich jedoch in der Beiz revanchiert, Fr. 20.00. Macht Fr. 44.40.

4. Februar 2018 – Tag 33
Sonntagsspaziergang, der Geldbeutel blieb zu Hause, um nicht in Versuchung zu geraten. Beim Saxophon-Spielen musste ich ein neues Rohblatt nehmen, Fr. 6.00.

5. Februar 2018 – Tag 34
Die eingeschriebene Post, die ich zu versendenden hatte, kostete Fr. 18.90. Zum Znachtessen bei der Kollegin brachte ich eine Flasche Wein und das Brot für das Fondue für 12.55. Ausmachend Fr. 30.45.

6. Februar 2018 – Tag 35
Lebensmittel für Fr. 17.55 und einen Kaffee für Fr. 3.90. Und Auslandstelefonate für Fr. 8.00. Macht Fr. 29.45.

7. Februar 2018 – Tag 36
Hygieneartikel für Fr. 16.15 gekauft, um sie einem Bekannten mitzugeben, der nach Kuba fährt und sie der Familie bringt. Ohrenstäbli fürs Bébé der Tochter der Schwägerin, Rasierklingen, Rasierseife und Seife. All das ist für Einheimische schwer zu beschaffen. Touristen kriegen immer alles. Und dann noch Essen eingekauft für Fr. 21.60. Macht zusammen Fr. 37.75.

8. Februar 2018 – Tag 37
War in der Beiz… Fr. 18.00. Und Kaffee gekauft für Fr. 5.95. Macht Fr. 23.95.

9. Februar 2018 – Tag 38
Ich habe ein 2 kg Paket aufgegeben mit Kinderkleidern aus zweiter Hand für eine Bekannte in Kuba, das kostete Fr. 31.00. Ich habe aber noch Schühchen gekauft für Fr. 7.95, so Plastikgroggs. Macht Fr. 38.95.

10. Februar 2018 – Tag 39
Lebensmittel für Fr. 19.65 gekauft.

11. Februar 2018 – Tag 40
Ein neues Rohrblatt fürs Saxofon für Fr. 6.00 eingesetzt. Telefonate mit der Familie im Ausland für Fr. 12.00. Macht Fr. 18.00.

12. Februar 2018 – Tag 41
Ich habe Kleider gekauft für Fr. 25.00. Vier T-Shirt und eine Bluse. Und einen Kaffee getrunken, Fr. 4.00. Macht Fr. 29.00.

13. Februar 2018 – Tag 42
Telefonate mit der Familie ins Ausland für Fr. 8.00 und einen Kaffee getrunken für Fr, 4.50, macht Fr. 12.50.

14. Februar 2018 – Tag 43
Einen eingeschriebenen Brief verschickt für Fr. 6.30 und Lebensmittel für Fr. 15.55 gekauft. Einem Bekannten und mir einen Kaffee bezahlt, Fr. 8.00, macht Fr. 29.85. Zum Znacht war ich eingeladen.

15. Februar 2018 – Tag 44
Kaffee vom Automaten, Fr. 3.20, die Kopierkarte mit Fr. 10.00 aufgeladen und eine Bahnfahrt zu einer Bekannten in Basel-Land Fr. 42.20. Am Abend in der Beiz Fr. 23.00 ausgegeben. Fr. 68.40…

16. Februar 2018 – Tag 45
Ins Kino und zum Znacht eingeladen, zwei Getränke bezahlt. Fr. 10.50. Mit der Familie im Ausland telefoniert Fr. 8.00, macht Fr. 18.50.

17. Februar 2018 – Tag 46
Einkauf von Lebensmitteln und Lottospiel für Fr. 7.00. Macht Fr. 30.45.

18. Februar 2018 – Tag 47
Telefonat mit der Familie im Ausland für Fr. 9.00, ansonsten kein Geld ausgegeben.

19. Februar 2018 – Tag 48
Ich bin stark erkältet, musste aber zu einem Radiotermin, und bin mit dem Taxi dahin gefahren, damit ich mir keine Lungenentzündung hole. Fr. 52.00 hin und zurück. Dann noch ein Getränk für Fr. 5.00.

20. Februar 2018 – Tag 49
Lebensmitteleinkauf im Betrag von Fr. 18.85.

21. Februar 2018 – Tag 50
Kebab am Mittag und Kaffee – Fr. 14.00.

Abbruch
Nach 50 Tagen habe ich den Selbstversuch abgebrochen. ich weiss, Sozialhilfebziehende können nicht abbrechen. Sie haben keine Wahl, manchmal für längere Zeit und müssen mit dem ihnen gewährten Budget auskommen. Die ständige Kontrolle resp. der ständige Versuch, die Situation zu kontrollieren, das Budget einzuhalten und es dann doch nicht zu schaffen, war nicht einfach.

Auswertung:
In 50 Tagen habe ich 1’424.50 ausgegeben. Eigentlich wären mir nur Fr. 1’050.00 zur Verfügung gestanden. Auf den Monat ausgerechnet wären es Fr. 855.30 gewesen, die ich ausgegeben habe, bei einem Budget von Fr. 648.00.

Das Geld habe ich für folgende Auslagen ausgegeben:

Fr. 296.35 für Essen (Fr. 177.81 im Monat)
Fr. 94.10 für Haushalt (Fr. 56.46 im Monat)
Fr. 74.95 für Elektronik (Fr. 44.97 im Monat)
Fr. 117.00 für Telefonate (Fr. 70.10 im Monat)
Fr. 306.00 in Gaststätten (Fr. 183.00 im Monat)
Fr. 28.00 für Lottospiele (Fr. 16.80 im Monat)
Fr. 45.00 für einen unvorhergesehenen Mitgliederbeitrag (Fr. 27.00 im Monat)
Fr. 47.10 für die Bibliothek und Information (Fr. 28.30 im Monat)
Fr. 40.00 für den Coiffeur (Fr. 24.00 im Monat)
Fr. 11.00 für das Saxofon (Fr. 6.60 im Monat)
Fr. 28.80 für Genussmittel (Fr. 17.30 im Monat)
Fr. 111.00 für Mobilität (Fr. 66.80 im Monat)
Fr. 12.55 für Hygiene (Fr. 7.53)
Fr. 188.70 für Geschenke (Fr. 113.22 im Monat)
Fr. 25.00 für Kleider (Fr. 15.00)

Man kann das nun verschieden lesen. Man könnte anführen, ich müsse ja nicht ins Ausland telefonieren. Oder nicht in die Beiz gehen oder gar Lotto spielen. Erst recht müsste ich keine Geschenke machen. Kleider habe ich in der Tat nicht kaufen müssen in diesen 50 Tagen, ich hatte noch genügend zum Tragen. Gespart habe ich eindeutig beim Essen, so ungesund gegessen, wie in dieser Zeit habe ich vorher noch nie. Die Telefonate und die Besuche in den Gaststätten sind teil des sozialen Lebens, auch die Mobilität. Die Geschenke sind Ausdruck von Zuwendung. Das sind alles Dinge, die einem zum Menschen machen.

Ich habe das Budget um knapp 25% überschritten. Gut 5 % mehr, als das Bundesamt für Statistik als Budget für lebensnotwendige Auslagen errechnet hat. Die 50 Tage haben mir gezeigt, das man von der gekürzten Sozialhilfe nicht leben kann. Das hatte ich im Voraus vermutet, womit ich jedoch nicht gerechnet hatte, ist das Ausmass der Limitierung. Wie das schmale Budget einem das Leben bestimmt, alles dreht sich nur noch um den Versuch, die prekäre Situation zu kontrollieren, es zu schaffen mit dem wenigen Geld auszukommen und sich nicht zu verschulden. Nach rund 20 Tagen dachte ich an die Menschen im Süden, die einfach feiern, wenn sie man Geld haben und dann nichts mehr haben. Dafür hatten sie ein schönes Fest, würden sie mit dem wenigen Geld sparsam umgehen, könnten sie nie Feiern. Ich hatte mir überlegt, was die bessere Strategie sei in dieser Situation, den halben Monat unbeschwert leben und die zweite Hälfte halt gar nichts mehr haben. Haferflocken.

Simone Machado Rebmann

Simone Machado Rebmann

Juristin, Grossrätin

Grossrätin seit 2014 (Mitglied Sicherheitskommission, Ersatzmitglied Kommission für Staatspolitik und Aussenbeziehungen)

Wahlkreis: Bern
Partei: Grün alternative Partei
Liste: 18: Grün alternative Partei
Listenplatz: 1 (18.01.5)
Jahrgang: 1969
Wohnort: Bern
E-Mail: Simone.Machado@bluewin.ch

Vorstandsmitglied KABBA «Komitee der Arbeitslosen und Armutsbetroffenen»
Vorstandsmitglied Demokratische Juristinnen und Juristen Bern
Vorstandsmitglied Demokratische Juristinnen und Juristen der Schweiz
Vorstandsmitglied European Lawyers for Democracy and Human rights

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Simone Machado Rebmann

Simone Machado Rebmann
Alt Grossrätin Kanton Bern, Vorstandsmitglied KABBA «Komitee der Arbeitslosen und Armutsbetroffenen»

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