Menschen über Erwerbsarbeit definiert

Zweiter Arbeitsmarkt beim Schweizerischen Arbeiterhilfswerk (SAH)

Am 10. September führte das Schweizerische Arbeiterhilfswerk (SAH) in Bern eine Tagung zum Thema «Zweiter Arbeitsmarkt» durch. Es ging um die Frage, ob Dauerarbeitsplätze im zweiten Arbeitsmarkt eine Chance für Langzeitarbeitslose seien. Wie immer wurden die Bedürfnisse der Betroffenen nicht von diesen selbst, sondern von sogenannten ExpertInnen definiert.

Dass wir derzeit von der Vollbeschäftigung weit entfernt sind, zeigten die Zahlen und Fakten von Regula Unteregger, Vorsteherin Sozialamt der Gesundheits- und Fürsorgedirektion des Kantons Bern. Betroffen sind zwar immer noch und in immer grösserem Masse Junge und gering Qualifizierte. Aber auch die Gruppe der gut ausgebildeten ArbeitnehmerInnen ohne Stelle hat sich in der Statistik massiv niedergeschlagen. Durch die intensivierte Konkurrenz um Stellen sinken die Chancen für Langzeitarbeitslose. Die Sozialhilfezahlen steigen deshalb stetig und sinken erfahrungsgemäss jeweils auch in Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs nicht wieder ab. Es geht bei jedem Konjunktureinbruch stets eine Treppenstufe weiter hinauf mit der Zahl der von der Neuen Armut Betroffenen, immer auf ein höheres Niveau – und diese Entwicklung ist unwiderruflich, es sei denn, die Politik würde umdenken.

Mythos Vollbeschäftigung

«Das Ziel ist Vollbeschäftigung zu guten Löhnen», forderte Doris Bianchi vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund. Doch Tagungen zur Erwerbslosigkeit und Sozialhilfe in der Schweiz zeichnen sich in aller Regel durch sogenannten Pragmatismus aus. So auch diese. Das Konzept der «freien Marktwirtschaft» wurde nicht in Frage gestellt. Ebensowenig das Konzept der Existenzsicherung durch Erwerbsarbeit und das Lohnsystem. Und vielleicht bewirkt gerade diese grundsätzliche Akzeptanz des Systems, dass gesellschaftspolitische Forderungen heutzutage utopisch und unrealistisch wirken. Weder die Vollbeschäftigung noch der geforderte «Respekt der Grundrechte» sind mit der heutigen gesellschaftlichen Realität kompatibel. Oder anders gesagt: Man kann das Fell des Bären nicht waschen, ohne es nass zu machen. Aber genau dies wird unentwegt versucht, gerade auch von den Gewerkschaften und Hilfswerken.

Konkurrenzverbot zum ersten Arbeitsmarkt

Vor diesem Hintergrund wirken auch mögliche Konzepte für einen zweiten Arbeitsmarkt wie die Quadratur des Kreises. Bestehende Arbeitsplätze sollen damit nämlich nicht konkurrenziert und Lohndumping soll verhindert werden. Nur staatliche und gemeinnützige Organisationen sollen solche (subventionierte) Stellen anbieten dürfen und die Massnahmen hätten zeitlich beschränkt zu sein. Dem steht das Bedürfnis respektive der Zwang der SozialarbeiterInnen nach Erfolgserlebnissen gegenüber. Sie werden daran gemessen, wie viele «Fälle» sie wieder in den Arbeitsmarkt «integriert» haben. So dachte Jürg Fassbind, Leiter des «Kompetenzzentrum Arbeit» in Bern, laut nach über subventionierte Stellen im ersten Arbeitsmarkt für «Leute mit vielen Ressourcen im Alter von 50 und mehr», da diese «aufgrund ihres Alters wahrscheinlich keine Stelle mehr finden werden». Da sprach mal einer aus, was immer noch mehrheitlich bestritten wird. Nämlich, dass das Alter ein ernstzunehmendes Anstellungshindernis ist. Gleichzeitig würde sein Rezept allerdings nur den zu kleinen Kuchen etwas anders aufteilen und neue Probleme schaffen.

Systematische Entmündigung

Die Erfahrungen, welche Sozialarbeitende, Coachs und AgogInnen (=ArbeitstherapeutInnen) machten, seien wichtig für die Ausgestaltung der Massnahmen, meinte Beat Baumann vom SAH in seinem Einführungsreferat. Die Eigeninitiative und die Kompetenzen der Direktbetroffenen waren an der Veranstaltung nie ein Thema. Erschreckend war, dass viele der teilnehmenden ExpertInnen und SozialarbeiterInnen die Erwerbslosigkeit offenbar als eine Krankheit empfinden. Und sich selbst als die ÄrztInnen betrachten, die diese Krankheit bei ihren KlientInnen zu heilen versuchen. Dazu müssten die Teilnehmenden an Massnahmen z.B. auch bereit sein, «den Coach von der Schweigepflicht zu entbinden». «Es ist nun mal eine Tatsache, dass sich diese Gesellschaft über die Erwerbsarbeit definiert», meinte ein Workshopleiter. Dies rechtfertigt offenbar die Entmündigung der aus dem Arbeitsmarkt gefallenen Menschen – und geschieht durch teilweise zweifelhaft ausgebildete, jedoch mit weitgehenden Handlungskompetenzen und grossem Ermessensspielraum ausgestattete Fachpersonen.

«Es sind menschenunwürdige Verhältnisse geschaffen worden, deshalb braucht es auch konkrete Lösungen», hatte Doris Bianchi in ihrem Referat festgestellt. Allerdings!

Christof Berger

Christof Berger

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